In ihrer Haushaltsrede hat die CSU gefordert, die Potenzialfläche erneut an einen Investor zu veräußern – mit dem Argument, dadurch könne die Verschuldung der Stadt Gersthofen deutlich reduziert werden.
Die Freien Wähler halten diesen Vorschlag für finanziell wie stadtentwicklungspolitisch hochproblematisch.
Ein Verkauf wäre nur dann verantwortbar, wenn mindestens der damalige Ankaufspreis zuzüglich sämtlicher Finanzierungskosten, Zinsen, Nebenkosten, Planungsleistungen und Haltekosten angesetzt würde. In der Summe sprechen wir von rund 20 Millionen Euro. Ein Verkauf unterhalb dieser Gesamtkosten wäre haushaltsrechtlich nicht vertretbar.
Bei einem Einstiegspreis in dieser Größenordnung stellt sich die nüchterne Frage, was dort überhaupt realistisch entstehen kann. Bezahlbarer Wohnraum ist unter diesen Bedingungen kaum darstellbar. Auch tragfähiger Einzelhandel wäre wirtschaftlich schwer abzubilden. Am Ende müsste ein Investor Preise aufrufen, die für unsere Innenstadt keinen Mehrwert bedeuten.
Zugleich warnen die Freien Wähler vor den stadtpolitischen Folgen eines erneuten Kurswechsels. Die Fläche war bereits in den Händen von zwei Investoren – ohne dass eine neue Mitte entstanden ist. Genau deshalb wurde die Entwicklung bewusst in kommunale Verantwortung zurückgeholt. Es folgten rund sechs Jahre intensiver Planung, Bürgerbeteiligung und Konzeptarbeit. Rund 2.000 Bürgerinnen und Bürger haben sich im Rahmen des Projekts „Neues Herz“ eingebracht.
Melanie Schappin, Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler, macht deutlich: „Wenn wir jetzt wieder von vorne anfangen, stellen wir uns faktisch auf Null. Für die Entwicklung des Konzepts haben wir sechs Jahre gebraucht. Die Fördermittel stehen bereit – mit einer Förderung von bis zu 80 Prozent. Wenn wir das Gesamtvorhaben umsetzen, wird sogar unsere ohnehin sanierungsbedürftige Tiefgarage mit gefördert. Die Umsetzung könnte in den nächsten drei Jahren erfolgen. Drehen wir erneut um, sprechen wir realistisch über weitere zehn Jahre Stillstand.“
Simon Drüssler zeigt sich überrascht über die jüngste Äußerung der CSU. Die Fraktion, die bisher Bürgerbeteiligung bei der Innenstadtentwicklung immer betont hat, macht nun eine Kehrtwende und möchte die Fläche einem Investor überlassen – mit fraglicher Transparenz und Mitsprache. Das wäre ein Affront gegenüber allen Gersthofern, die sich engagiert am Prozess beteiligt haben.
Gerade die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie sensibel die Innenstadt auf Unsicherheit reagiert. Mit Müller und Rewe haben bzw. werden zwei zentrale Frequenzbringer die Innenstadt verlassen. Ein wesentlicher Faktor war die fehlende Planungssicherheit. Erst mit dem klaren Beschluss zum „Neuen Herz“ und der verbindlichen Perspektive kam wieder Bewegung ins City Center. Eigentümer und Verantwortliche haben bestätigt, dass diese Klarheit entscheidend dafür war, neue Mieter zu gewinnen.
Arne Ziessow betont in diesem Zusammenhang: „Stadtentwicklung braucht Vertrauen. Wenn wir jetzt erneut den Kurs wechseln, senden wir wieder das Signal: Nichts ist sicher. Das schwächt die gesamte Innenstadt.“
Hinzu kommt die aktuelle Marktlage. Hohe Baupreise, gestiegene Zinsen und wirtschaftliche Unsicherheiten führen bereits heute dazu, dass selbst bei vorhandenem Baurecht nicht gebaut wird. Auch in Gersthofen gibt es entsprechende Beispiele, wie z.B. im ehemaligen Theiml-Areal oder Autohaus Wagner. Die Gefahr, dass eine verkaufte Fläche erneut über Jahre als Kapitalanlage liegen bleibt, ist real.
Brigitte Grohmann warnt: „Ein weiterer Richtungswechsel würde unsere Innenstadt massiv zurückwerfen. Wir riskieren ein erneutes Ausbluten.“
Für Reinhold Dempf steht fest: „Wir haben nach 15 Jahren endlich die Chance, die neue Mitte umzusetzen. Diese Chance darf nicht durch kurzfristige Haushaltsüberlegungen verspielt werden.“
Die Freien Wähler appellieren daher eindringlich, die begonnene Entwicklung konsequent fortzuführen. Gersthofen braucht Verlässlichkeit, wirtschaftliche Verantwortung und vor allem Tempo in der Umsetzung.
Ein erneuter Neustart würde nicht Schulden halbieren, sondern Perspektiven kosten.